Also, was er soll auf jeden Fall können soll...

Bei diesem Satz sinkt mir sehr oft schon das Herz Richtung Socken. Oftmals wird er ausgesprochen während man einen fröhlichen, quirligen, unbeschriebenen Welpen an der Leine hält. Oder der Wunsch wird geäußert für das zukünftige Verhalten eines traumatisierten Hunde aus zweiter oder -zigter Hand, das gerade in die Familie eingezogen ist.

Klar, es ist normal, menschlich und sogar schön, dass man Träume hat, die man zusammen mit dem Hund erfüllen möchte: wir möchten Dummy Spass, wir möchten ihn zum wandern mitnehmen, er soll am Fahrrad, am Pferd laufen, er darf mit Schwimmen gehen, ich würde so gern Agility machen, oder Mantrailing, Obedience oder Tricks oder oder oder...er muss unsere Katzen suchen, wenn die mal wieder verloren sind oder den Hof bewachen ohne dass er davon wegläuft. Das hat nämlich der Vorgänger auch getan. Und genau hier wird es brenzlig. Man erträumt sich Aufgaben für den Hund, die in der Regel mit ganz viel Training zu erreichen sicherlich sind. Dennoch: ist man wirklich bereit, diese Zeit, diesen Aufwand zu betreiben? Ausserhalb der Hundeschule auch zu üben? 

Ist es nicht viel wichtiger und richtiger, erst mal dahin gehend zu trainieren dun erziehen, dass der Hund sich stresslos in unseren Alltag eingliedern kann?

Hunde sind extrem flexibel und passen sich sehr gut an ihr Umfeld an. Hunde können auch sehr viel lernen, wenn sie ausgeglichen und zufrieden sind. Wenn sie aber unter Dauerstress leben, zur Übung gezwungen werden, übermüdet sind, oder einfach kein Talent haben, oder zumindest nicht in dem Masse, wie wir das für unser Wunschziel brauchen, dann wird der Weg lang und holprig - für den Menschen. Für den Hund wird er oftmals zur Qual. Unzufriedenheit allerseits.

Ich habe mir diese Tage Gedanken gemacht über unsere Wenonah. Sie ist nun 14 Monate alt. Natürlich habe ich ihr von Anfang an alles mit dem Clicker/Markertraining bei gebracht. Es war fast spielend. Ich habe mich bewusst zurückhalten müssen, es ging so leicht und so schnell, dass man als Mensch dazu neigt, beflügelt vom Erfolg, zu übertreiben.  Ich habe mich manchmal gefragt, wann sie dies oder jenes nun wieder gelernt hat. Ich habe mich natürlich auch geärgert, dass ich kein Trainingstagebuch geführt habe (das entspricht so ganz und gar meinem natürell nicht :-). Aber sie kann eine MENGE und das sogar sehr gut. Wir haben immer an unseren Spaziergängen sporadisch die Basics eingeübt. Wenige Wiederholungen aber gute. Ich habe sie streckenweise öfters mal (ca. 2 Mal in der Woche) für einige Zeit mit in die Gruppe genommen und mit ihr vor geturnt, nicht weil ich erwartet habe, dass sie alles kann, aber weil ich einfach den Ablauf mancher Übungen mit ihr demonstrieren wollte. Auch das muss einen extremen Lerneffekt gehabt haben. Aber dann gab es wieder Wochen, wo sie zu Hause blieb und nur beim Gassi Gehen dabei war. Wie dem auch sei, nach längerer Erholungspause wegen ihrer Verletzung am Oberschenkel, führte sie letzte Woche im "er Jagt" Kurs fast wie selbstverständlich und mit großer leichtigkeit und Konzentration Stopps und Rückrufe aus, bei der wir die Latte sehr hoch gelegt hatten.

Das hat mich ins Nachdenken gebracht. Sind es die Pausen? ist es das wenig hartnäckige aber stetige Training? Sind es die wenigen Wiederholungen? Ist es mein Erwartungsmuster, das eigentlich so ganz und gar nicht da ist? Tatsache ist, dass sie gern und gut dabei ist. Sie ist eine aufmerksame und motivierte Hündin, sie ist keine Schlaftablette und kann auch mal hochtourig werden, aber sie ist immer präsent und offen. Und genau so, wie sie ist, mit ihren guten und schwächeren Tagen, genau so ist sie für mich perfekt. Ohne zwang, ohne Druck und mit viel Offenheit und Neugierde von beiden Seiten... ich bin gespannt, was uns die Zukunft bringt.