Verhalten hat nicht nur einen einzelnen Grund...

Das war ein wunderbares Wochenende bei Clever & Smart, Katharina Volk, in München. Der Titel des Seminars war: „Neue Wege im Umgang mit Leinenreaktivität“. Am Freitagabend hatten wir einen Vortrag zum Thema „Stress und die Folgen für das Verhalten“.

Schon am Freitagabend konnte man sehen und hören wie es „dachte“ und ratterte in den Köpfen der Teilnehmerinnen. Das Thema dieses Vortrages passte so gut zum Wochenendseminar und schon dann und dort wurde klar, dass wir neben Training und Beschäftigung einfach auch andere Aspekte des Hundealltags näher betrachten sollten. Gegebenenfalls sind schon mal bestimmte Veränderungen herbei zu führen oder gesundheitliche Aspekte unter die Lupe zu nehmen. Dann ist Hundetraining auch ganzheitlich.
Wenn man erfährt, wie viele Gesichter und Ursachen Stress hat, wie Hunde ihn zum Ausdruck bringen und wie schnell aus einem „unangenehmen“ Zustand eine absolute Spirale der Verzweiflung und Unzufriedenheit an beiden Enden der Leine entstehen kann; wenn man gezeigt bekommt, wie Stress das Verhalten und die Gesundheit insgesamt beeinflussen kann, dann ist der erste und der wichtigste Schritt bereits getan.

An den Vorträgen haben ich einige Beispiele gegeben von Hunden, die in einem hochgradigen Erregungszustand bei mir vorstellig wurden – allerdings mit der Begründung „Leinenaggression“. Bei diesen Hunden wurden einige Elemente aus dem Alltag verändert (Beschäftigung, Gestaltung der Gassirunden, mehr Ruhezeit und Entspannung) aber auch einige Basis Erziehungsmaßnahmen (Leinenführigkeit, Umorientierung auf der Basis der positiven Verstärkung) wurden eingeführt. Nach 1 oder 2 Wochen, je nach Trainingsintensivität, konnte man eine sehr deutliche Besserung im allgemeinen Verhalten feststellen. In einem der Fälle hat sich der Spuk mit der Leinenreaktivität als Nebeneffekt von alleine reduziert.

Sicherlich ist das Gesamtpaket in jedem individuellen Fall immer wieder neu zu betrachten. Daher finde ich ein Erstgespräch mittlerweile unerlässlich, so dass man wirklich alle Details abfragen und in Erfahrung bringen kann. Hundehalter wissen nicht immer, was alles für das Verständnis des Verhaltens ihres Hundes relevant ist und mit einer gut vorbereiteten Liste bekommt man in einem ersten Gespräch ein ziemlich gutes Gefühl für die Schraubstellen.

Was sind Basics? Ohne einige essentielle erlernte und verstärkte Verhaltensweisen von Hund und Mensch kommen wir in vielen anderen Themen nicht weiter:

Für den Hund: Orientierung an der Person, Leinenführigkeit, ruhige Körperhaltungen, ruhiges Schauen in die Umgebung, einen Abruf, eine gute Umorientierung und ein gut trainierter Verhaltensabbruch gehören in jedem Repertoire.

Für den Menschen: diese Signale sind ein zu setzen von minimal nach stark. Dies bedeutet, dass nicht bei jedem kleinen unerwünschten Verhalten ein Abbruch zu benutzen ist, sondern auch mal kurz gutes Verhalten gewartet wird, so das wir es dann einfangen und verstärken können. Auch ist es wichtig, dass der Mensch lernt, gutes erlerntes Alternativverhalten ab zu rufen, statt all zu häufig korrigierend ein zu greifen oder ab zu brechen. Zu diesem Thema möchte ich betonen, dass die Bezugspersonen lernen sollten, gutes Verhalten vom eigenen Hund wahr zu nehmen, zu erkennen und zu verstärken. Weiter sollte sich im Rucksack eines jeden Hundebesitzers (auch derjenigen die einen „braven“ unauffälligen Hund haben) das Wissen um die Körpersprache und Signale des Hundes befinden. Und dies sollte auch benutzt werden. Wenn die Person dann noch lernt, den eigenen Körper geschickt ein zu setzen... dann steht einem harmonischen Zusammensein nichts mehr im Weg! Kommunikation geht in zwei Richtungen.

Wir können viel unerwünschtes Verhalten vermeiden und zuvor kommen. Wir müssen es nur verstehen wollen und nicht durch irgendwelche vermenschlichende Interpretationen gut reden, erklären wollen oder in unserem Geist verfestigen.

Verhalten ist plastisch und veränderbar. Wenn wir den Antezedent und die Konsequenz anpassen, erhalten wir recht leicht ein anderes Verhalten. Das gehört zum Training. Angepasste Antezedente sind häufig auch arrangierte Managementmaßnahmen und können dazu führen, dass sich Hunde erst nicht unerwünscht verhalten müssen. Dazu gehören bei der Leinenreaktivität häufig Raum (Distanz), Zeit und ein einfühlsamer Umgang mit der Leine. Wenig Einwirkung, mehr Raum fürs selbstwirksame Denken und Handeln. Und schon sind wir wieder bei dem BAT Training. Es ist mehr als nur Training, es ist eine andere Art, wahr zu nehmen, zu denken und zu fühlen.
Ich freue mich jeden Tag darüber, es einsetzen zu dürfen.



Ein Beispiel: Luna kam als leinenreaktive Hündin in das Seminar. Sie hat an diesem Wochenende keinen einzigen anderen Hund angebellt ... auf dem Hinweg zum Trainingsareal jedoch hatte ich fest gestellt, dass sie das Frauchen ausgebremst hatte und sich in den Zaun rechts gedrückt hatte. Sie schnüffelte im Gras am Zaun... und schaute immer wieder aus dem Augenwinkel zu den 4 neben einander geparkten weissen LKW’s. Wir haben uns Zeit gelassen... Hier auf den Bildern sind die beiden auf dem Rückweg. Sie brauchte wieder etwas Zeit, aber schaut nicht mehr weg und muss auch nicht schnüffeln. Und sie kann hin gehen und mal checken, was diese Dinger überhaupt sind. Kleinigkeiten... unauffällige Faktoren in unserem Alltag und in der Umwelt. Davon gibt es für jeden Hund viele... und die häufen sich. Diese Faktoren selbstwirksam bewältigen zu können ist nachhaltig. Dazu muss jedoch der Mensch auch lernen, die allerfeinsten Signale zu erkennen.