Ferien, Wochenendtrip, lange Arbeitstage...
Wohin mit dem Hund?

Bald bricht die Ferienzeit an. Dann ist dies eine Frage, die ich immer wieder bekomme. Von vielen Leuten sogar bevor sie den Welpen ins Haus holen, von anderen eben erst kurz vor knapp.

Leider ist mein Alltag als Hundetrainer mit einer Hundeschule und Verhaltenspraxis so getaktet, dass ich persönlich keine Möglichkeit habe, Gasthunde bei mir auf zu nehmen. Auch würde dies für einigen Trubel in meiner Hundefamilie sorgen.
gassiAllerdings sind mit Hunden aus meiner Kundschaft und Neukundschaft in letzter Zeit und in der Vergangenheit einige Sachen geschehen, die vom jeweiligen Hund so schnell nicht vergessen werden und die sein Verhalten und Wohlbefinden nachhaltig beeinflussen werden.

Bei einem Hund handelt es sich um einen wirklich gut durch trainierten Hütehund Mix. Sein Frauchen kommt seit einem Jahr fleißig ins Einzeltraining und in vielen Gruppentrainings. Alle Themen, wurden wirklich zeitnah erkannt und bearbeitet und sehr konsequent behoben, immer wieder durch überlegtes und respektvolles Training. Vor einigen Wochen legte sich dieser sonst sehr arbeitsinteressierter Rüde nach 5 Minuten einfach neben dem Platz ins hohe Gras und machte einen Liegestreik. Da wir von ihm so etwas noch nie erlebt hatten, tue ich das nicht einfach ab als: „Ach, er ist heute einfach arbeitsunwillig oder faul oder nicht gut drauf".. sondern ich hinterfrage, weil solche Symptome bei mir Alarmglöckchen aktivieren.
Und ja, er hatte tatsächlich am vorigen Wochenende 2-3 Tage in einer Pension mit „Rudelhaltung" verbracht. Alles in mir sagte, es hat ihm nicht gut getan. Natürlich ist es für die Hunde eine Unterkunft fern von seinem Menschen und einem zuhause bereits ein Stressfaktor, dennoch gibt es Leute, die so etwas wunderbar auffangen und ausgleichen können.

Sein Frauchen und ich haben uns noch länger unterhalten über was passiert sein könnte und wie es ihm da gegangen ist, aber das sind im Nachhinein alles nur Vermutungen. Tatsache ist, dass der Hund neben der Spur war. Frauchen hatte noch mal Kontakt aufgenommen mit der Pensionsbetreuerin, die übrigens eine Genehmigung nach Par 11 von TschG hat. Leider wurde auch klar, dass sie viel vom US-Fernsehtrainer hält. Es wird nun nach einer neuen Pension gesucht, weil Frauchen beruflich regelmäßig ein Wochenende ohne Hund unterwegs sein muss.

Den anderen Hund kenne ich persönlich nicht, aber irgendwie hatte ich schon indirekt mit ihm zu tun. Vor 3 Jahren wurde ich von einer Tageszeitungsreporterin zu einem Beißvorfall befragt, bei dem ein Kind betroffen war. Da ich damals nur wenige Informationen zu dem Fall hatte, versuchte ich den Hund nicht einfach zu verteufeln aber dennoch einige Hinweise in meinen Antworten ein zu bauen, die Stresslevel, Auslastung und Umgang mit Hund betrafen. Was ich damals wusste war: der Hund, eine Hütehund, wurde im Moment des Vorfalls von einer Dame Gassi geführt, die nicht seine Besitzerin oder Bezugsperson war. An dem Tag war es heiß, der Hund war frei von der Leine und sie kamen an einem Fluss vorbei, wo gerade Kinder mit Ball spielten. Das war für den Hund ein Auslöser, er ist ausgerastet, es kam zu einem Gerängel und der Hund hat einem Jungen in die Wade gebissen. Es war ein Biss mit Blut und blauen Flecken. Das Bild von der Bissstelle mit Kommentaren von den Eltern kam in die Zeitung. Die Gassi Geherin war bis dahin unbekannt, hat sich aber später bei der Polizei gemeldet.

Was ich heute zusätzlich über den Vorfall weiß, hat mir das Frauchen des Hundes erzählt: die GassiGeherin, eine Dame aus der Nachbarschaft, die vorher einen eigenen Hütehund hatte, hatte angeboten, mit dem Hund Gassi zu gehen, weil sie der Meinung war, die Oma der Besitzerin könne einen Hütehund nicht ausreichend auslasten. Die Besitzerin befand sich 3 Wochen in Urlaub. Die Gassi Geherin hat den Hund dort abgeleint, wo man es nicht sollte und gerade beim Erblicken vom Ball hat der Hund seine Selbstkontrolle verloren. Da diese Dame mit dem Hund täglich 3-4 Stunden Gassi marschierte, war der Hund mit Sicherheit übermüdet, zumal er Hüftprobleme hat und es sehr heiße Tage waren. Darüber hinaus hat die Gassi Dame der Oma empfohlen, die Futterration zu halbieren, weil der Hund zu dick und zu träge war.
Konsequenz: Frauchen fand nach ihrem Urlaub einen völlig abgemagerten, humpelnden und verstörten Hund wieder. Das Problem im Bewegungsapparat hat er bis heute. Und... der Hund war erst mal als bissiger Hund bekannt geworden. Diese Rechnung ist hoch.

Ich lag mit meiner Vermutung ziemlich richtig, als ich meinte, dass sich da einige Stressfaktoren gehäuft haben: Übermüdung, fremde Person, Frauchen weg, zu wenig Futter, Schmerzen in der Hüfte, Wasser (erhöht das Erregungslevel immer), Ball, spielende Kinder... Was wir nicht wissen, ist, wie die Dame mit dem Hund umgegangen ist.

Kurzum: egal wie überzeugend manche Leute ihr Hundewissen unaufgefordert mit Ihnen teilen und wie sehr sie gute Ratschläge aufdrängeln, hinterfragen Sie. Fragen Sie, ob diese Person in irgendeiner Form eine Schulung in Sachen Hund gemacht hat. Ob sie Erfahrung mit Hunden haben, wenn ja, in welcher Form und wie lange. (Kindheit gilt definitiv nicht). Und schauen Sie bei einer Proberunde zu, wie sie mit Ihrem Hund umgehen. Machen Sie unbedingt eine Proberunde, zeigen Sie die brenzligen Stellen und erklären Sie dem Gassi Geher die Empfindlichkeiten Ihres Hundes. Ein gut aufgestellter Gassi Geher wird Sie aber unaufgefordert danach fragen, sowohl nach dem Probegassi als nach den Empfindlichkeiten. Gassi Geher gehen mit Ihrem Hund Gassi, und wenn Sie noch weitere Wünsche haben, kann es sein, dass er Ihnen diese auch erfüllt, wie zum Beispiel Tabletten geben oder Füttern. Aber lassen Sie sich nicht auf irgendwelche sonstige Ratschläge zum Thema Auslastung, Gesundheit, Futter ein. Es sei denn, er kann Ihnen hierfür auch seine Kompetenz nachweisen.

Dies ist vielleicht ein extremes Beispiel, wo der Hund es bis zur Tageszeitung geschafft hat. Aber es hätte noch schlimmer kommen können.

Und es ist kein Einzelfall: Es gibt Leute, die bieten eine Tagesstätte oder Urlaubsbetreuung an und lassen den Hund Stunden lang, ja gar über Nacht alleine in einem dem Hund fremden Keller sitzen. Das schädigt Ihren Hund. Und es ist Betrug. Beobachten Sie genau, wie Ihr Hund sich verhält wenn Sie ihn dort abholen oder irgendwann wieder dort abliefern. Das alleine spricht Bänder.

Daher mein Rat: lassen Sie sich nicht auf das ein, was Ihnen der Anbieter sagt. Gehen Sie hin (zur Pension), schauen Sie sich die Umgebung und der Ort der Betreuung an, lassen Sie sich alles zeigen. Auch die anderen Hunde, die dort verbleiben. Wenn Sie dann ein gutes Gefühl haben, geben Sie Ihren Hund für einen halben Tag oder eine Nacht zur Probe hin. So kann Ihr Hund sich schon mal in kleiner Dosis an diese Situation gewöhnen. Laufen Sie eine Proberunde mit Ihrem Dogwalker und Ihrem Hund und fragen Sie, wie er wann wo Gassi geht oder Sie zeigen ihm Ihre Hausstrecke und weisen ihn auf wichtiges hin. Fragen Sie bei der Tagesbetreuung nach dem Tagesablauf. Wo ist Ihr Hund wie lange und zu welcher zeit, und was genau passiert in dem Moment in dem Umfeld?

Es ist Ihr Hund, er kann nicht für sich sprechen. Er kann nicht entkommen und er kann nichts entscheiden. Seien Sie vorsichtig und kritisch und vor allem, schauen Sie sich in aller Ruhe um so dass Sie nicht im letzten Moment aus Verzweiflung die erstbeste Lösung annehmen. Erst dann können Sie beruhigt in den Urlaub fahren. Ich habe in meiner Homepage unter „Freunde" einige links. Auch wenn diese etwas weiter weg sind... es lohnt sich.