In jedem Monat die Geschichte eines Hundes und seiner Menschen,
die mich besonders beeindruckt haben...

Barkley Februar 2016

Es kann schon brenzlig werden, wenn man einen sanften Riesen von 50 kg auf meterlangen Beinen an der Leine hat. Und spannender wird das ganze noch mal, wenn er sich nicht mehr von seiner sanften Seite zeigt. Auch wenn das andere Ende der Leine die entsprechende Länge und Körperspannung dagegen zu halten hat, es ist und bleibt eine sehr heikle Situation. Barkley und sein Frauchen haben im Oktober 2015 eine Intensivwoche bei mir gemacht. Der Grund war: Leinenreaktivität.

Vor jedem Trainingsanfang führe ich mit der Kundin ein eingehendes Erstgespräch. Ungeachtet, ob vorhin schon viel oder wenig trainiert wurde, ich möchte mir eine persönliche Perspektive auf den Hund als Ganzes und auf das Team verschaffen. Bereits bei den Antworten in der ersten Stunde gingen bei mir die Alarmglocken an: „SCHMERZ“! Tönte es. Ich rede hier nicht von „irgendwelchen“ intuitiven Eingebungen sondern von den vielen Aspekten und eigenen Verhaltensweisen, die Barkley in unterschiedlichen Situationen an den Tag legte. Barkley war aufgrund der langen Anfahrt beim ersten Gespräch nicht dabei. Er wurde jedoch bereits medizinisch behandelt wegen einer Schilddrüsenunterfunktion. Leider vom Behandler/Berater ungesehen und ohne Untersuchung oder Anamnese. Die Dosierung lag beim Maximum. Kurz vor ihren Antritt hat sich die körperliche Situation von Barkley zugespitzt und sein Frauchen war der Verzweiflung nahe. Probleme im Verdauungsapparat, extreme Reizbarkeit, auch ihr gegenüber, drinnen wie draußen, starker Leistungsabfall: Barkley legte sich an den Spaziergängen mit seinem 3-jährigen Körper einfach nach einer Viertelstunde hin. Das „Sitz“ klappte nicht so toll, aufs Sofa/Bett springen wollte er nicht mehr. Um nur einige zu nennen. Vieles ähnelte den Symptomen einer Schilddrüsenüberfunktion. Dennoch weiß man nicht, ob die Schilddrüsen werte nicht einfach die Folge von dauerhaften Schmerzstress sind. Dies gab ich dem Frauchen zu bedenken.

Nun ja, den Trainingsverlauf am ersten Tag erspare ich Ihnen. Am zweiten Tag traten beide guten Mutes an. Die Freude hielt nur ca. 10 Minuten an, dann warf Barkley die Flinte ins Korn und zog sich ins Auto zurück. Er zeigte Empfindlichkeiten am Rücken. Er schaute in die Ferne, war nicht ansprechbar und hechelte – auch wenn es nicht warm war. Er zeigte eine völlige Leere. Unbeteiligt, jedoch grantig wenn Frauchen ihm die Leine abnehmen wollte. Es war geradezu dramatisch und ich hatte das Gefühl, wir stehen vor einem sehr hohen Berg. Das Dilemma mit der Trainingswoche, die gerade erst angefangen hatte, die lange Anfahrt, die festen Termine... ich rief eine Tierärztin in unsere Nähe an, beschrieb den Fall und bat sie darum am gleichen Tag einen Termin zu geben, Barkley zu untersuchen und eventuell die Möglichkeit auf effektive Schmerzmittel zu überlegen, so dass wir unseren Verdacht auf Schmerz bestätigen konnten. Gesagt getan. Nach 2 Gaben des Schmerzmittels, erschien am Mittwoch morgen ein anderer Barkley, er bewegte sich anders, spielte mit Spielie und galoppierte zum ersten Mal seit Monaten. Ein sehr rührender Moment für die beiden Menschen auf dem Platz. Dennoch waren wir nicht aus dem Schneider.
Abgedeckt mit dem Schmerzmittel haben wir die Woche mehr oder weniger erfolgreich abschliessen können. Defizite aufgedeckt, Training an bestimmten Stellen etwas angezogen, und die BAT Set Ups hat er ohne Mucks absolviert. Das war in kontrollierter Trainingssituation, allerdings jeweils mit einem anderen Hund. Schon mal nicht schlecht, wenn man betrachtet, dass sein Hauptthema Leinenreaktivität war.

Nach der Woche ist vor dem Alltag: noch war Barkley gesundheitlich nicht komplett durchgecheckt. Einige Details und Rückschläge was die Gesundheit betrifft erspare ich Ihnen. Ich empfahl Frauchen eine Klinik meines Vertrauens. Wir Laien gingen vom offensichtlichsten aus: mit Sicherheit tut ihm etwas im Rücken weh. Dies wurde durch die Untersuchung teilsweise korrigiert: Magen/Darm System komplett durch einander. Aufgasung, Blähungen die starke Schmerzen im kompletten Leib nach sich ziehen. Natürlich verursacht dies Verspannungen im Rücken. Die Dunkelfeld mikroskopische Untersuchung ergab ein sehr dickes Blut mit verklebten Blutkörperchen und geringer Viskosität. Stagnation. Möglicherweise war es die Ursache fürs Verhalten, möglicherweise die Folge von der vorherigen Fehlmedikation. Ich bin keine Tiermedizinerin und im Nachhinein lässt sich das nicht mehr nachvollziehen. Jetzt wird der Gute genau für seine Magenprobleme behandelt. Eine Futterumstellung mit Darmaktivierung wird vorgenommen. Die Substituierung wurde ausgeschlichen und abgesetzt. Er frisst mit Appetit, er schläft durch, er ist präsent und er grummelt Frauchen nicht mehr so oft an, wenn sie in der Nähe ist. Das alles veränderte sich nach und nach... nicht schlagartig. Wenn jetzt Barkley noch mal in die Intensivwoche kommt, sind wir einen Schritt weiter: wir werden einen ansprechbaren Hund haben, der umsetzen kann, was wir ihm beibringen. Noch sind wir nicht am Ziel. Was ich mit diesem Beitrag zum Ausdruck bringen möchte: egal wie kompliziert es alles scheint, egal wie schwierig die Spaziergänge sind: bleiben Sie dran, lassen Sie sich begleiten.. es gibt einen Ausweg. Ich bin dem Frauchen von Barkley sehr dankbar dafür, dass die nicht nur quer durchs land zu mir gefahren ist und eine Woche Urlaub geopfert hat, sondern das Gleiche noch mal wegen der Tierklinik gemacht hat. So etwas ist nicht selbstverständlich.